
In Deutschland gibt es eine breite gemeinsame Wertebasis: Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung möchte in einer Gesellschaft leben, in der freiheitlich-demokratische Grundrechte und Grundwerte gewährleistet sind. Das zeigt der Deutschland-Monitor für das Jahr 2024, der vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Jena mitherausgegeben wird. Diese jährlich erhobene, wissenschaftliche Studie zu politischen Einstellungen und gesellschaftlichen Stimmungslagen in Deutschland zeigt aber auch, dass viele Menschen in Ost- und Westdeutschland mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden sind.
Text: Marco Körner / Axel Burchardt
»In welcher Gesellschaft wollen wir leben?« So lautet das Schwerpunktthema des Deutschland-Monitors 2024. Welche Werthaltungen werden in unserer Gesellschaft geteilt? Werden die verfassungsmäßig verbrieften Grundrechte, die Vorstellungen über das soziale Miteinander und die Ausgestaltung der Demokratie von einem breiten Konsens getragen? Lassen sich gegenläufige Einschätzungen allein mit individuellen Merkmalen der Befragten erklären oder können sie auch auf unterschiedliche regionale Lebensumfelder zurückgeführt werden?
Diese und weitere Fragen verknüpfen das diesjährige Schwerpunktthema mit dem auf lange Sicht angelegten Basis-Fragenkanon des Deutschland-Monitors.
Breite Zustimmung zu Demokratie und Grundgesetz
In Deutschland gibt es eine breite gemeinsame Wertebasis, hat der Deutschland-Monitor für 2024 festgestellt. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland möchte in einer Gesellschaft leben, in der freiheitlich-demokratische Grundrechte und Grundwerte gewährleistet sind. Weniger Einigkeit besteht darüber, ob einzelne Freiheitsrechte, wie etwa die Presse- und Meinungsfreiheit, auch tatsächlich umgesetzt werden. Wer die Freiheitsrechte als nicht erfüllt ansieht, ist oft auch weniger zufrieden mit dem Zustand der Demokratie und hat geringeres Vertrauen in politische Institutionen.
Ebenfalls ein breiter Konsens besteht über die Demokratie als Staatsform. 98 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus. Ebenso wird das Grundgesetz als Verfassungsordnung von einer sehr großen Mehrheit (80 Prozent) unterstützt.
Kritische Einstellungen in strukturschwachen Regionen
Größere Uneinigkeit besteht hingegen beim gegenwärtigen Funktionieren der Demokratie: Während sich 64 Prozent der Westdeutschen zufrieden zeigen, sind es bei den Ostdeutschen nur 48 Prozent, die mit dem aktuellen Funktionieren der Demokratie zufrieden sind.
Politikkritische Einstellungsmuster sind in strukturschwachen Regionen weiter verbreitet als in strukturell stärkeren Regionen der Republik. »Wo Menschen das Gefühl haben, nicht den gerechten Anteil zu bekommen oder Angst haben, ihren Status einzubüßen, schwindet auch die Unterstützung des politischen Systems und seiner Akteure. Dies drückt sich etwa in Form einer geringen Demokratiezufriedenheit, eines schwachen Institutionenvertrauens und populistischen Einstellungen aus«, sagt Dr. Jörg Hebenstreit, Politikwissenschaftler an der Universität Jena, der den Deutschland-Monitor miterarbeitet.
Hohe Erwartungen an den Wohlfahrtsstaat
In beiden Teilen Deutschlands bestehen hohe Erwartungen an den Wohlfahrtsstaat. Rund drei Viertel aller Befragten äußern die Erwartung, dass der Staat für wesentliche Lebensrisiken eintritt. Dabei haben sich die Einstellungen im Westen an den Osten so weit angepasst, so dass die vormalige Ost-West-Differenz inzwischen ausgeglichen ist.
In Deutschland insgesamt fehlt es aktuell an einem »Wir-Gefühl«: Lediglich etwa ein Drittel der Befragten hat Vertrauen in andere Menschen. Nur ein Viertel der Befragten glaubt, dass sich die Mitmenschen gegenseitig unterstützen. Nicht einmal jede bzw. jeder Achte bewertet den gesellschaftlichen Zusammenhalt positiv.
Die schlechte gesamtgesellschaftliche Bewertung steht im deutlichen Kontrast zur Bewertung des gesellschaftlichen Zusammenhalts am Wohnort, der deutlich positiver benotet wird. Diese positive Erfahrung des lokalen Lebensumfelds bietet, so die Autoren und Autorinnen des Deutschland-Monitors, eine wichtige Ressource für das gesamte Gemeinwesen.
Ost- und West-Unterschiede schwinden
Bei umstrittenen Themen – etwa dem Klimaschutz und der Migration – sind ablehnende Haltungen in Ostdeutschland häufiger verbreitet als in Westdeutschland. Ost-West-Unterschiede finden sich aber vorwiegend bei älteren Personen, die in der ehemaligen DDR bzw. alten Bundesrepublik geboren und sozialisiert wurden. Hingegen teilen jüngere Menschen, die im wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen sind, in Ost wie West, mehrheitlich die gleichen Gesellschaftsbilder.
Dies, wie auch der Befund, dass in strukturstarken Ost- und strukturschwachen Westkreisen die Einstellungen nahe beieinander liegen, kann als Hinweis interpretiert werden, dass die Annahme einer generellen Ost-West-Differenz nicht mehr uneingeschränkt der Realität entspricht.
Hintergründe zur Studie
Der Deutschland-Monitor ist eine Studie zu politischen Einstellungen und gesellschaftlichen Stimmungslagen in Deutschland, die von einem Konsortium von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vom Zentrum für Sozialforschung Halle (ZSH), dem Institut für Politikwissenschaft der Universität Jena und dem GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften Mannheim erstellt wird.
Um die Bundesrepublik in ihrer regionalen Vielfalt erfassen zu können, basiert der Deutschland-Monitor auf einer methodisch innovativen Anlage zweier Stichproben. Die erste Stichprobe repräsentiert mit ca. 4 000 Befragten die Bevölkerung ab 16 Jahren in Deutschland. Die zweite Stichprobe ist eine Regionalstichprobe in jeweils ausgewählten strukturstarken und strukturschwachen Stadt- und Landkreisen in Ost- und Westdeutschland, mit weiteren ebenfalls repräsentativ ausgewählten 4 000 Befragten. Dank dieser einzigartigen Studienanlage können sowohl deutschlandweite als auch regionale Entwicklungen untersucht und miteinander verglichen werden. Zusätzlich werden qualitative Fokusgruppeninterviews durchgeführt, welche die Befunde der standardisierten Befragungen vertiefen.
Der vollständige Hauptbericht des Deutschland-Monitors 2024 kann von der Projekthomepage https://deutschland-monitor.infoExterner Link heruntergeladen werden.
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