Vor einem blauen Himmel sind drei Hände zu sehen, die mit jeweils einem Glas Bier anstoßen.

Die Entscheidung fällt im Darm

Das Mikrobiom und die Psyche des Menschen
Vor einem blauen Himmel sind drei Hände zu sehen, die mit jeweils einem Glas Bier anstoßen.
Foto: AdobeStock

Wie entscheidet sich, worauf wir Appetit haben? Warum können wir uns manchmal einfach nicht beherrschen und greifen so lange in die Chips-Tüte, bis diese leer ist? Wie werden wir gar zu Süchtigen? Diesen Fragen gehen Medizinerinnen und Mediziner am Universitätsklinikum Jena nach. Das Team um Dr. Alexander Refisch erforscht insbesondere die Zusammenhänge zwischen Suchtverhalten von Menschen und ihrem Mikrobiom und entschlüsselt dafür die Signale, die aus dem Darm an das Gehirn gesendet werden.

Text: Stephan Laudien


Man kann es sich wie eine turbulente Versammlung vorstellen: Alle Anwesenden schreien durcheinander, brüllen sich gegenseitig nieder und lassen sich nicht ausreden. Zuweilen werden die Streithähne sogar handgreiflich, Stärkere schüchtern Schwächere ein, es wird gerauft und geschubst. Dabei bleiben die Argumente der Leisen ungehört. Doch worum geht es bei der erregten Debatte? Es geht um Aspekte einer gesunden Ernährung und läuft am Ende auf die Frage hinaus: Ein Glas Wasser oder eine Flasche Bier?

Mikrobiom und Suchtverhalten

Solche »Versammlungen« spielen sich tagtäglich ab – und das in jedem von uns, tief verborgen im menschlichen Darm. Die Akteure sind winzige Mikroben, die millionenfach den Darm besiedeln. Das Mikrobiom bringt es in Summe auf bis zu zwei Kilogramm Biomasse. Zum großen Teil ist das Mikrobiom noch eine »Terra incognita«, erst in Ansätzen verstehen Forschende das Zusammenspiel der Mikroben untereinander und dessen Auswirkungen auf den Menschen.

Porträtaufnahme von Dr. Alexander Refisch

Foto: Uta von der Gönna

»Wir sind dabei, Zusammenhänge zu entdecken und erste Muster zu erkennen«, sagt Dr. Alexander Refisch. Der 38-jährige Kölner ist seit 2021 Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Jenaer Universitätsklinikums und arbeitet seit 2023 mit Suchtpatientinnen und -patienten. Mit seiner Arbeitsgruppe möchte Alexander Refisch nun genauer erforschen, welchen Einfluss das Mikrobiom auf das Suchtverhalten von Menschen hat.

Es verdichten sich Hinweise darauf, dass eine veränderte Zusammensetzung des Mikrobioms, insbesondere in den frühen Lebensjahren, etwa durch traumatische Kindheitserfahrungen, eine entscheidende Rolle spielt. Diese Veränderungen scheinen insbesondere mit Beeinträchtigungen im Sozialverhalten und einer erhöhten Stressanfälligkeit verbunden zu sein – zwei wesentliche Faktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Suchterkrankungen. »Suchtkranke haben häufig überwiegend negative soziale Beziehungserfahrungen gemacht«, erklärt Refisch.

Diese Erfahrungen führen oft zu sozialer Isolation und einer verstärkten Neigung zum Alkoholkonsum. Ein aktuelles Beispiel für diesen Zusammenhang zeigt der gestiegene Pro-Kopf-Alkoholkonsum während der Quarantänephasen der COVID-19-Pandemie, der maßgeblich durch den Wegfall sozialer Verstärker begünstigt wurde. 

Alkoholkonsum bedeutet Stress 

Ein weiterer Zusammenhang besteht zwischen Stress und Alkoholkonsum. »Für viele Menschen ist Alkohol ein probates Mittel, um Stress abzubauen«, so Alexander Refisch. Gleichzeitig erhöhe sich durch den Alkohol jedoch die Sensibilität für Stress und somit das Verlangen, ein Gläschen zur Entspannung zu trinken. Im Endeffekt heiße Konsumieren, den Stresszustand latent zu erhalten. Der ständige Griff zum Glas führe dazu, andere Strategien zur Stressvermeidung zu ignorieren: Spaziergänge, ein gutes Buch oder ein Film verlieren ihren Reiz. Darunter leiden wiederum die sozialen Beziehungen, nicht wenige Suchtkranke vereinsamen.

Mit seiner Arbeitsgruppe möchte Alexander Refisch nun eine Kohorte von Patientinnen und Patienten genauer unter die Lupe nehmen. Bei dem Projekt im Rahmen des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit sollen Suchtverhalten und Psyche ebenso untersucht werden wie das individuelle Mikrobiom.

Bestimmt wird das Mikrobiom mittels Sequenzierungsverfahren, die auch zur Genanalyse angewendet werden. Vielleicht liege der Schlüssel für neue Therapieansätze tatsächlich in der Welt der Mikroben, sagt Alexander Refisch: »Das Mikrobiom ist ja nicht statisch, sondern hochvariabel. Während Alkohol einen negativen Einfluss auf die Zusammensetzung der Mikroben und psychische Funktionen hat, könnten eine veränderte Ernährung und ein veränderter Lifestyle sich positiv auswirken.« Zu bedenken sei auch, dass sich die Evolution des Menschen in eine Welt der Mikroben hinein vollzogen habe: »Bis jetzt verstehen wir die Zusammenhänge nur in groben Zügen; wir stehen noch ganz am Anfang unserer Forschung.«

Signale zwischen Darm und Hirn

Doch schon jetzt gibt es zahlreiche Indizien für den Einfluss der Mikroben auf menschliches Verhalten. Im Visier der Forschung stehen Immun- und Entzündungsbotenstoffe, die durch das Mikrobiom verändert werden können. Deswegen erhofft sich die Forschungsgruppe Aufschlüsse aus dem Vergleich des Mikrobioms von Suchtkranken mit Proben gesunder Patienten.

Auffällig sei auch, so Alexander Refisch, dass etwa 80 Prozent der Signale über den Vagusnerv von der Körpermitte ins Gehirn gelangen, in die andere Richtung sind es nur gut 20 Prozent. »Bestimmte Mikroben im Darm können sich unter bestimmten Bedingungen, wie bei regelmäßigem Alkoholkonsum, besonders gut vermehren und andere Mikroben verdrängen. Diese Mikroben könnten über die enge Verbindung zwischen Darm und Gehirn unser Verlangen nach Alkohol beeinflussen und sogar verstärken«, so Alexander Refisch. »Einfach gesagt: Wenn diese Mikroben wachsen, könnten sie Signale an unser Gehirn senden, die Lust auf Alkohol machen.«

Humane Mikroben und unser Nervensystem stehen in enger Kommunikation und teilen eine gemeinsame Sprache über Botenstoffe wie Serotonin, das auch von Mikroben umgesetzt wird. Darüber hinaus existieren im Gehirn Rezeptoren für spezifische Stoffwechselprodukte, die ausschließlich von Mikroben produziert werden. Ganz abwegig erscheint der Gedanke also nicht, dass sich eine »Versammlung« von Mikroben darüber streitet, ob ein Bier oder ein Glas Wasser das richtige Mittel gegen den Durst ist.

Kontakt:

Alexander Refisch, Dr.
Universitätsklinikum Jena
Philosophenweg 3
07743 Jena Google Maps – LageplanExterner Link